Der Mut aufzublühen

Letztens sah ich eine vertrocknete Blume an, die meine Tochter gepflückt und nach Hause gebracht hatte. Sie war nur wenige Tage zuvor so leuchtend gewesen und nun wurde sie braun, schrumpelig und leblos. Etwas bewegte dieser Anblick in mir, eine Art tiefer Traurigkeit.

Kurze Zeit später, als ich durch den, in der Frühlingssonne erwachenden, Wald spazierte, sah ich all die Knospen, denen man das pralle Leben förmlich ansehen konnte: die Kraft, der Lebenswille, der Mut, der innere Druck, die Bestimmung, die Schönheit im Verborgenen, der Schmerz und ein bisschen auch die Angst aufzubrechen und das Risiko zu erblühen. Das alles sah ich in der Knospe, bis ich realisierte, dass ich das eigentlich tief in mir selbst wahrnahm.

Keine Verbindung zur Lebensquelle

Ich fühlte mich schon sehr lange irgendwie kraftlos, ausgetrocknet und abgetrennt. Wie ein Blatt im Wind habe ich versucht, hier und da dazuzugehören und meinen Platz zu finden, doch jeder Windstoß trieb mich weg und ich vertrocknete unterwegs mehr und mehr. Dabei wich die Farbe aus mir, wie bei einem Herbstblatt.
Mir war auch klar, dass es die Verbindung zu meiner Lebensquelle ist, die gerade nicht fließen kann, als wäre da ein Staudamm und es sickert kaum etwas durch. Geistlich war ich schon kaum noch lebendig, hatte lange keine Ambitionen mehr darin zu wachsen und suchte kaum Gemeinschaft mit anderen Gläubigen.
Es fiel mir sogar sehr lange schwer zu beten. Wenn überhaupt, betete ich ab und zu in einer Gruppensituation, wenn es irgendwie erwartet wurde und ich wusste was man so sagt. Doch mein Herz war nicht da, es war ganz stumpf und still geworden.
Statt mich mit Menschen in meinem Leben zu verbinden, habe ich mich täglich im Internet mit Infos über Dinge, die in der Welt los sind und dem Leben fremder Menschen abgelenkt. Sogar Gott ist langsam immer nebensächlicher geworden. Zugleich wuchsen die Herausforderungen in meinem Leben.
Ich wurde Mutter von zwei kleinen Kindern, hatte eine sehr konfliktreiche Ehe, meine Schwester am anderen Ende der Welt war schwer zu erreichen durch die Zeitverschiebung, zu meinen Eltern hatte ich keine starke Beziehung. Außerdem fing ich nach meiner zweiten Elternzeit wieder an zu arbeiten – in einem Job, der mich auf vielen Ebenen herausfordert, indem ich täglich so oft ins kalte Wasser springen musste und massiv mit dem Impostor-Syndrom zu kämpfen hatte.

Leben im Überlebens-Modus

Dies alles ging viele Monate lang und ich wusste, ich brauche morgens und abends dringend Zeit für mich…zum Schreiben, Malen, Meditieren, bei Gott Sein, Spüren, Atmen, still Werden, Herzens-Menschen Treffen, tiefe bedeutende Gespräche Führen, Beten, Lesen, kreativ Werden.
Doch keine dieser Sachen machte ich, sondern es war immer das einfache, schnelle Ablenken – das unbedachte Konsumieren – was meine wertvolle Zeit füllte. Viel Schokolade und Youtube Videos, die mir vorgeschlagen wurden (warum auch immer, denn ich wäre nie auf die Idee gekommen danach zu suchen?!) stumpfen meine Lebendigkeit enorm ab. Sogar im Bett holte ich nochmal mein Handy durch die Angewohnheit mit einem Podcast oder Hörbuch einzuschlafen.
Doch je stressiger mein Tag war, desto unbedachter fing ich dann im Dunkeln nochmal an zu scrollen. Bis ich kaum noch wach bleiben konnte, weit nach Mitternacht.
Am nächsten Tag wachten die Kinder früh auf und ich musste sofort da sein und mich um sie kümmern, die Bedürfnisse zweier kleiner Menschen erfüllen, noch bevor ich überhaupt selbst mal im Bad war. Ich startete oft gereizt in den Tag, wenn ich am Abend so lange gescrollt habe (logisch), was wiederum meine Kinder merkten. Umso mehr klammerten und jammerten sie und ich selbst konnte kaum noch atmen. Ich kam langsam, aber sicher in einen Überlebens-Modus rein (fight, flyight, freeze, fawn) in meinem Falle, definitiv flight (Flucht) und fawn (übermäßige Anpassung).
Mein Nervensystem war permanent auf Hochspannung, selbst in den Zwischenpausen füllte ich es mit Stress. Durch das Scrollen wird Stress ausgelöst. Alle par Millisekunden neue Bilder, Texte, Geräusche, Lieder, Eindrücke…für eine hochsensible Person ist das purer Stress, was man sich da antut und zugleich wird Dopamin freigesetzt. Neuigkeiten zu erfahren, die virtuelle Verbindung zu der Welt, die lustigen Memes in denen man sich selbst wiederfindet, die bewegenden und auch die inspirierenden Dinge, die man sich schön abspeichert für später, können echte Glücksgefühle auslösen. Das macht es wiederum sehr schwer, mit dem endlosen Scrollen aufzuhören.
Ich entferne mich durch diese kleinen, aber bedeutenden täglichen Entscheidungen immer mehr von mir, anderen Menschen und vor allem von Gott…

Abgeschottete Emotionen

In einer Sitzung vor einigen Monaten sagte meine Therapeutin, sie habe den Eindruck ich sei nicht mit meiner Lebensquelle verbunden und dass der Weg dorthin über meine Emotionen ginge. Doch die hatte ich abgeschottet, aus Angst, dass dort zu viel Wut, Schmerz, Böses schlummert. Wenn ich Emotionen spürte, dann war es insbesondere Wut und die war manchmal kaum zu kontrollieren und machte mir Angst, also schob ich sie ganz weit runter. Doch da alle Emotionen miteinander zusammenhängen und man nicht nur die „schlechten“ aussortieren und ins Exil schicken kann, sondern damit immer auch die anderen, lebensspendenden Emotionen wie Freunde, Begeisterung und Liebe abgeschottet werden, lebte ich fast komplett ohne Zugang zu all meinen Emotionen und das, obwohl ich ein sehr sehr emotionaler Mensch bin.

Dass dies nicht lange gut gehen konnte ist verständlich. Irgendwann war keine Kraft mehr da, woher auch?

Ich konnte Gottes Gegenwart wahrnehmen

Doch vor wenigen Tagen fand ich mich spontan bei einem wunderbaren Lobpreis- und Heilungsabend der Zeal Church in Halle wieder, wo ich Gottes Gegenwart so intensiv wahrnahm, wie richtig lange nicht mehr. Immer wenn ich die Augen schloss und betete, hatte ich eine Knospe vor Augen, die gerade aufbrach und aus der endlos viele Blütenblätter in den prächtigsten Farben hervorkamen. Es hörte gar nicht auf, die Blüte wuchs und wuchs und die kleine Knospe war kaum noch sichtbar in all der Pracht.

Als dann später am Abend Heilungsgebet für psychische Krankheiten angeboten wurde und man sich dort, wo man war, mit einem Handzeichen melden konnte und um einen herum dann gebetet wurde, zögerte ich einen Moment…ist es das Risiko wert, mich hier so verletzlich zu machen? Ich kenne hier kaum jemanden, was wenn ich jetzt komisch betrachtet werde?! Ich schaute kurz herum, damit ich nicht die Einzige bin, die sich meldet. Doch da schoss wie von selbst meine Hand ebenfalls hoch. Ich entschied mich, nicht länger diesen Kampf alleine kämpfen zu müssen, ich entschied mich in Verbindung zu kommen. Erstmal mit mir, mit den wundervollen, geisterfüllten Menschen um mich herum und mit Gott, der nur Gutes für mich bereithielt und mir zuflüsterte: „Du musst nicht mehr kämpfen, ich habe bereits gesiegt.“

Ich entschied mich aus meiner Knospe herauszubrechen und zu blühen, denn der innere Druck war nahezu unerträglich geworden. Alles in mir erbebte in Lebendigkeit und dann hörte ich immer wieder in dem Stimmengewirr, der um mich herum für mich Betenden, das Wort „Freunde“ heraus. Erst ganz zaghaft, wie der erste farbige Zipfel einer Blüte in der Knospe fing ich an zu grinsen, dann zu lächeln, dann kichern und schließlich aus ganzem Herzen zu lachen, bis ich kaum noch stehen konnte. Es sprudelte scheinbar ohne Ende aus mir heraus und es befreite so unfassbar viel in mir. Ich hatte das Gefühl, als wären in ganz dunklen Räumen meines Herzens endlich Licht und alles in mir wurde hell und warm, jede Zelle vibrierte mit Lebendigkeit und ich wusste in dem Moment ganz genau: ich mit verbunden mit meiner Lebensquelle. Mit Gott, der in mir lebt.

Fragen:

  • Wie verbringst du deine ersten und letzten Momente des Tages?
  • Wonach sehnt sich dein Herz gerade am meisten?
  • Was macht dir gerade am meisten Angst? Besteht da ein Zusammenhang?