Der Mut aufzublühen

Letztens sah ich eine vertrocknete Blume an, die meine Tochter gepflückt und nach Hause gebracht hatte. Sie war nur wenige Tage zuvor so leuchtend gewesen und nun wurde sie braun, schrumpelig und leblos. Etwas bewegte dieser Anblick in mir, eine Art tiefer Traurigkeit.

Kurze Zeit später, als ich durch den, in der Frühlingssonne erwachenden, Wald spazierte, sah ich all die Knospen, denen man das pralle Leben förmlich ansehen konnte: die Kraft, der Lebenswille, der Mut, der innere Druck, die Bestimmung, die Schönheit im Verborgenen, der Schmerz und ein bisschen auch die Angst aufzubrechen und das Risiko zu erblühen. Das alles sah ich in der Knospe, bis ich realisierte, dass ich das eigentlich tief in mir selbst wahrnahm.

Keine Verbindung zur Lebensquelle

Ich fühlte mich schon sehr lange irgendwie kraftlos, ausgetrocknet und abgetrennt. Wie ein Blatt im Wind habe ich versucht, hier und da dazuzugehören und meinen Platz zu finden, doch jeder Windstoß trieb mich weg und ich vertrocknete unterwegs mehr und mehr. Dabei wich die Farbe aus mir, wie bei einem Herbstblatt.
Mir war auch klar, dass es die Verbindung zu meiner Lebensquelle ist, die gerade nicht fließen kann, als wäre da ein Staudamm und es sickert kaum etwas durch. Geistlich war ich schon kaum noch lebendig, hatte lange keine Ambitionen mehr darin zu wachsen und suchte kaum Gemeinschaft mit anderen Gläubigen.
Es fiel mir sogar sehr lange schwer zu beten. Wenn überhaupt, betete ich ab und zu in einer Gruppensituation, wenn es irgendwie erwartet wurde und ich wusste was man so sagt. Doch mein Herz war nicht da, es war ganz stumpf und still geworden.
Statt mich mit Menschen in meinem Leben zu verbinden, habe ich mich täglich im Internet mit Infos über Dinge, die in der Welt los sind und dem Leben fremder Menschen abgelenkt. Sogar Gott ist langsam immer nebensächlicher geworden. Zugleich wuchsen die Herausforderungen in meinem Leben.
Ich wurde Mutter von zwei kleinen Kindern, hatte eine sehr konfliktreiche Ehe, meine Schwester am anderen Ende der Welt war schwer zu erreichen durch die Zeitverschiebung, zu meinen Eltern hatte ich keine starke Beziehung. Außerdem fing ich nach meiner zweiten Elternzeit wieder an zu arbeiten – in einem Job, der mich auf vielen Ebenen herausfordert, indem ich täglich so oft ins kalte Wasser springen musste und massiv mit dem Impostor-Syndrom zu kämpfen hatte.

Leben im Überlebens-Modus

Dies alles ging viele Monate lang und ich wusste, ich brauche morgens und abends dringend Zeit für mich…zum Schreiben, Malen, Meditieren, bei Gott Sein, Spüren, Atmen, still Werden, Herzens-Menschen Treffen, tiefe bedeutende Gespräche Führen, Beten, Lesen, kreativ Werden.
Doch keine dieser Sachen machte ich, sondern es war immer das einfache, schnelle Ablenken – das unbedachte Konsumieren – was meine wertvolle Zeit füllte. Viel Schokolade und Youtube Videos, die mir vorgeschlagen wurden (warum auch immer, denn ich wäre nie auf die Idee gekommen danach zu suchen?!) stumpfen meine Lebendigkeit enorm ab. Sogar im Bett holte ich nochmal mein Handy durch die Angewohnheit mit einem Podcast oder Hörbuch einzuschlafen.
Doch je stressiger mein Tag war, desto unbedachter fing ich dann im Dunkeln nochmal an zu scrollen. Bis ich kaum noch wach bleiben konnte, weit nach Mitternacht.
Am nächsten Tag wachten die Kinder früh auf und ich musste sofort da sein und mich um sie kümmern, die Bedürfnisse zweier kleiner Menschen erfüllen, noch bevor ich überhaupt selbst mal im Bad war. Ich startete oft gereizt in den Tag, wenn ich am Abend so lange gescrollt habe (logisch), was wiederum meine Kinder merkten. Umso mehr klammerten und jammerten sie und ich selbst konnte kaum noch atmen. Ich kam langsam, aber sicher in einen Überlebens-Modus rein (fight, flyight, freeze, fawn) in meinem Falle, definitiv flight (Flucht) und fawn (übermäßige Anpassung).
Mein Nervensystem war permanent auf Hochspannung, selbst in den Zwischenpausen füllte ich es mit Stress. Durch das Scrollen wird Stress ausgelöst. Alle par Millisekunden neue Bilder, Texte, Geräusche, Lieder, Eindrücke…für eine hochsensible Person ist das purer Stress, was man sich da antut und zugleich wird Dopamin freigesetzt. Neuigkeiten zu erfahren, die virtuelle Verbindung zu der Welt, die lustigen Memes in denen man sich selbst wiederfindet, die bewegenden und auch die inspirierenden Dinge, die man sich schön abspeichert für später, können echte Glücksgefühle auslösen. Das macht es wiederum sehr schwer, mit dem endlosen Scrollen aufzuhören.
Ich entferne mich durch diese kleinen, aber bedeutenden täglichen Entscheidungen immer mehr von mir, anderen Menschen und vor allem von Gott…

Abgeschottete Emotionen

In einer Sitzung vor einigen Monaten sagte meine Therapeutin, sie habe den Eindruck ich sei nicht mit meiner Lebensquelle verbunden und dass der Weg dorthin über meine Emotionen ginge. Doch die hatte ich abgeschottet, aus Angst, dass dort zu viel Wut, Schmerz, Böses schlummert. Wenn ich Emotionen spürte, dann war es insbesondere Wut und die war manchmal kaum zu kontrollieren und machte mir Angst, also schob ich sie ganz weit runter. Doch da alle Emotionen miteinander zusammenhängen und man nicht nur die „schlechten“ aussortieren und ins Exil schicken kann, sondern damit immer auch die anderen, lebensspendenden Emotionen wie Freunde, Begeisterung und Liebe abgeschottet werden, lebte ich fast komplett ohne Zugang zu all meinen Emotionen und das, obwohl ich ein sehr sehr emotionaler Mensch bin.

Dass dies nicht lange gut gehen konnte ist verständlich. Irgendwann war keine Kraft mehr da, woher auch?

Ich konnte Gottes Gegenwart wahrnehmen

Doch vor wenigen Tagen fand ich mich spontan bei einem wunderbaren Lobpreis- und Heilungsabend der Zeal Church in Halle wieder, wo ich Gottes Gegenwart so intensiv wahrnahm, wie richtig lange nicht mehr. Immer wenn ich die Augen schloss und betete, hatte ich eine Knospe vor Augen, die gerade aufbrach und aus der endlos viele Blütenblätter in den prächtigsten Farben hervorkamen. Es hörte gar nicht auf, die Blüte wuchs und wuchs und die kleine Knospe war kaum noch sichtbar in all der Pracht.

Als dann später am Abend Heilungsgebet für psychische Krankheiten angeboten wurde und man sich dort, wo man war, mit einem Handzeichen melden konnte und um einen herum dann gebetet wurde, zögerte ich einen Moment…ist es das Risiko wert, mich hier so verletzlich zu machen? Ich kenne hier kaum jemanden, was wenn ich jetzt komisch betrachtet werde?! Ich schaute kurz herum, damit ich nicht die Einzige bin, die sich meldet. Doch da schoss wie von selbst meine Hand ebenfalls hoch. Ich entschied mich, nicht länger diesen Kampf alleine kämpfen zu müssen, ich entschied mich in Verbindung zu kommen. Erstmal mit mir, mit den wundervollen, geisterfüllten Menschen um mich herum und mit Gott, der nur Gutes für mich bereithielt und mir zuflüsterte: „Du musst nicht mehr kämpfen, ich habe bereits gesiegt.“

Ich entschied mich aus meiner Knospe herauszubrechen und zu blühen, denn der innere Druck war nahezu unerträglich geworden. Alles in mir erbebte in Lebendigkeit und dann hörte ich immer wieder in dem Stimmengewirr, der um mich herum für mich Betenden, das Wort „Freunde“ heraus. Erst ganz zaghaft, wie der erste farbige Zipfel einer Blüte in der Knospe fing ich an zu grinsen, dann zu lächeln, dann kichern und schließlich aus ganzem Herzen zu lachen, bis ich kaum noch stehen konnte. Es sprudelte scheinbar ohne Ende aus mir heraus und es befreite so unfassbar viel in mir. Ich hatte das Gefühl, als wären in ganz dunklen Räumen meines Herzens endlich Licht und alles in mir wurde hell und warm, jede Zelle vibrierte mit Lebendigkeit und ich wusste in dem Moment ganz genau: ich mit verbunden mit meiner Lebensquelle. Mit Gott, der in mir lebt.

Fragen:

  • Wie verbringst du deine ersten und letzten Momente des Tages?
  • Wonach sehnt sich dein Herz gerade am meisten?
  • Was macht dir gerade am meisten Angst? Besteht da ein Zusammenhang?

Ein Brief an meinen Körper

Dich gibt es auf dieser Welt seit etwas mehr als 31 Jahren und auch, wenn das nicht sonderlich lange ist, hast du schon viel durchgemacht. Du hast mich durch so viele wunderschöne und schreckliche Momente gebracht, doch lange bin ich alles andere als gut mit dir umgegangen. Nun möchte dir einfach mal danken.

Schon nach der Geburt..

Schon kurz nach der Geburt hast du gegen eine schwere Infektion gekämpft, musstest fremdes Blut durch deine jungen Venen pumpen um zu leben. Danke, dass du es geschafft hast. Du hast gekämpft und wurdest geheilt und bist trotz meiner Nahrungsverweigerung, langsam aber sicher, gewachsen und hast gelernt zu krabbeln, zu laufen, zu sprechen.
Als Schulkind hast du nachts Symptome gezeigt, die ich nicht einordnen konnte und aus Angst niemandem davon erzählte. Doch als du sie eines Tages auch am Tag zeigtest, kam Hilfe und du hast auch da für unsere Genesung gekämpft.

Trotzdem war ich schon früh nicht ganz zufrieden mit dir. Du warst immer schon viel kleiner als meine Freunde und zu dünn. Ich verglich deine Form mit der meiner Mitschülerinnen und hatte immer das Gefühl nicht gut genug zu sein. Immer wieder wurde ich für meine Größe geneckt, doch dass es an der frühkindlichen, schweren Krankheit lag, dass ich nicht so groß war wie sie, wissen bis heute die wenigsten.
Als Jugendliche hat mich das Erwachsenwerden verunsichert und ich hab versucht mit rigidem Essverhalten Kontrolle über das Chaos in mir zu bekommen und du musstest jahrelang mit starkem Mangel täglich extreme Leistung bringen – kognitiv und körperlich. Du zeigest mit unbändigem Hunger, dass dir was fehlt und wenn ich die Kontrolle verlor, konnte ich das aus Scham und Versagensangst nicht aushalten und machte es wieder rückgängig. Dass damit ein zerstörerischer Kreislauf begann, der über 7 Jahre andauerte. war mir damals noch nicht bewusst. Doch du hast wieder so eine Stärke gezeigt und hast dich immer wieder regeneriert, warst jeden morgen bereit für einen neuen Tag. Danke dafür.

Zeichen der Heilung

Du stelltest unsere Fruchtbarkeit die gesamten 7 Jahre ein, was ich kaum beachtete, weil ich den Kontakt zu dir komplett verloren hatte. Die Wunden, die ich dir vor lauter innerem Schmerz zufügte, heilten mit der Zeit wieder und die Linien erzählen bis heute Geschichten, an die ich ungern zurückdenke, die aber dennoch ein Teil von mir sind.
Als du mir wieder vertrauen konntest dich regelmäßig und nährstoffreich zu versorgen, kam meine Regel zurück und ich freute mich so sehr dies als Zeichen der Heilung zu sehen.

Wir sind durch die Welt gereist, haben Stürme überstanden, Berge erklommen, wir sind im Regen getanzt, haben im tiefsten Wald Gott angeschrien, sind nachts durch glitzernde Meereswellen getaucht und haben an den unmöglichsten Orten geschlafen.

Danke, dass du mir immer so viele intensive Eindrücke durch die Sinne geschenkt hast. Wir konnten sowohl zärtliche Nähe mit geliebten Menschen austauschen, als auch plötzliche, körperliche Übergriffe abwehren. Da hast du wieder unbändigen Mut und Stärke gezeigt, und wie oft ich unterschätzt werde, weil du so klein und zart bist.

Ein sicheres Zuhause – nicht nur für mich

Doch du bist ein sicheres Zuhause für meine Seele und du hast meine beiden wunderbaren Töchter mit auf diese Welt begleitet. Du hast auch ihnen eine zeitlang ein sicheres Zuhause gegeben, hast sie durch Gottes Zauber im Verborgenen geformt, genährt, gestärkt für die Welt, die auf sie gewartet hat. Danke, dass du mir ermöglicht hast, dieses Wunder zu erleben.
Du hast bei der ersten Geburt wieder einmal gezeigt, was für eine Löwinnenkraft in dir steckt. Du wusstest, was zu tun ist und du hast deinen Teil in diesem Wunder so wunderbar gemacht. Du hast dich so schnell wieder erholt und konntest diesen kleinen, neuen Menschen komplett ernähren.

Als uns etwas mehr als ein Jahr später die zweite Schwangerschaft überraschte, ließt du auch da ein kleines Herz in deiner Mitte heranwachsen, welches jedoch in der 12. Woche plötzlich aufhörte zu schlagen. Auch da ließt du mir genug Zeit um Abschied zu nehmen und dann ließt du ganz von alleine los in einer sehr schmerzhaften Nacht, für die ich aber so dankbar war, weil überhaupt kein Eingriff von außen nötig war.
Danke, für deine Weisheit und dein Timing. Über ein Jahr danach schlug wieder ein Herz in dir und ich konnte dir wieder vollkommen vertrauen, es auf diese Welt zu bringen. Das Ende der Schwangerschaft kam früher und ganz anders als gedacht, doch du hast auch da so eine Kraft gezeigt. Du standest unter Schock, aber du konntest sie trotzdem sofort mit Milch versorgen. Wir ruhten uns sehr lange aus und du halfst mir das Leben als zweifache Mutter voll Ruhe und Leichtigkeit zu starten. Danke für alles, was ich in dieser Zeit lernen durfte.

“Durch alle Höhen und Tiefen”

Als ich nach einem Jahr wieder in einem sehr herausfordernden Job arbeiten ging und zugleich eine aufwühlende Therapie begann, zeigtest du mit wieder mit Stresssymptomen unseres Nervensystems, dass ich viele Gefühle verdrängt habe. Dass ich meine Prioritäten weise setzen soll und dass ich innerlich immer noch in einem Überlebensmodus stecke.

Jetzt bin ich an dem Punkt mit dir achtsam umzugehen, dir zuzuhören und deine Signale ernst zu nehmen, das zentrale Nervensystem, sowie das hochempfindlich und hochkomplexe Hormonsystem zu regulieren. Deshalb schreibe ich dir, denn ich sehe dich jetzt nach 31 Jahren wirklich mit einem Blick voll Liebe, Hochachtung und Dankbarkeit.
Danke, dass du durch alle Höhen und Tiefen bisher so treu und stark warst und ich freue mich auf die kommenden Jahre, in denen wir noch bewusster zusammenarbeiten werden und Gottes Licht gemeinsam auf dieser Welt sichtbar machen werden.

“Danke, dass du alles zum Guten wendest.”

Und danke Gott, denn ohne Dich wäre all dies oben genannte nie möglich gewesen. Du bist der Klebstoff, der meine Zellen zusammenhält und der, der mich in der dunkelsten Zeit innerlich getragen hat. Mein Körper erzählt eine Geschichte, aber du hast sie geschrieben. Danke, dass du alles zum Guten wendest.

“Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.” – Psalm 139, 14

Claire

Frage:

  • Was würdest du gerne mal deinem Körper sagen/schreiben?
  • Wofür bist du dankbar? Was habt ihr gemeinsam durchgestanden?
  • Wie siehst du deinen Körper heute?

Der Sturm in mir

Wie gehe ich damit um, wenn ein Sturm in mir tobt? Das habe ich mich in letzter Zeit oft gefragt und eine klassische Geschichte aus der Bibel kommt dabei immer wieder auf:

Jesus stillt den Sturm.

Jesus ist mitten unter den Jüngern. Er ruht, sie sehen und hören ihn nicht, aber sie wissen, er ist da. Doch mitten im Sturm bekommen sie Panik, versuchen alles um sich selbst zu retten und als gefühlt alles in ihrer Möglichkeit ausgeschöpft ist, wenden wie sich an Jesus, der ruhig bleibt, fragt, warum alle so panisch sind und mit einem Wort den Sturm stillt. (frei nach Matthäus 8, 23-27)

Ich kann die Jünger hier total gut verstehen. Wie oft schon sah es in mir genau so aus. Ich weiß, Jesus ist da, doch ich erlebe ihn oft nicht aktiv. Ich tue und mache so gut ich kann, werde erschöpft und ein wenig enttäuscht von Jesu Passivität und im Falle eines Sturms wende ich mich, nach allen möglichen Rettungsversuchen, verzweifelt an ihn, weil ich weiß, er kann etwas tun. Dann habe ich oft das Gefühl, dass er mich fragt: Wovor hast du Angst, Claire?

Angst vor dem Verlassen-werden

Und das ist eine gute Frage. Wenn ich ganz ehrlich bin, ist es Angst vor Kontrollverlust. Und diese Angst hat schon so viel Schaden in mir bereitet. Denn sie führt dazu, dass so ein Sturm in mir überhaupt erst aufziehen kann.
Es klingt paradox, aber ein ganz unsicherer Teil in mir hat ein mangelndes Urvertrauen und versucht daher so gut es geht Kontrolle zu bewahren. Darüber was Leute von mir denken, finanzielle Ressourcen, wie professionell ich im Beruf wirke, das Verhalten meiner Kinder, über meinen Mann und wie er auf andere wirkt.. spätestens jetzt sollte glasklar sein, dass ich das alles selbstverständlich nicht kontrollieren kann! Das ist unfassbar energiezehrend – für alle Beteiligten. Und wenn die Kräfte schwinden, die Mauer bröckelt und der Sturm in mir tobt, wird aus der Angst vor Kontrollverlust eine Angst vor dem Verlassen-werden. Denn wenn ich nichts mehr kontrollieren kann, weder mich, weil ich so emotional ausgelaugt und gestresst bin, noch meine Mitmenschen, noch die Umstände, dann kann es sein, dass ich verlassen werde und nichts dagegen bewirken kann. Die absolut schlimmste Angst meines inneren Kindes.

Wenn ich dann ausraste und merke, dass es das alles nur noch schlimmer macht und meine Liebsten sich von mir distanzieren – um es gelinde auszudrücken – ziehe ich das Dunkle in mir noch weiter zurück, um zumindest in meinem Umfeld keinen weiteren Schaden anzurichten. Doch das löst den Sturm in mir nicht auf, es verstärkt ihn nur und es wird beim nächsten Mal noch mehr und mit der Zeit unkontrollierbar.

Verantwortung übernehmen

Unkontrollierbar? Für wen? Für mich oder für Gott?
Und genau das ist der Punkt. Ich muss meinen Sturm nicht kontrollieren, sondern Gott.
Und das ist so schwer zu realisieren. Aber der Gedanke, dass jemand da ist, der mächtig ist, der wirklich die Kontrolle hat, der den Sturm wirklich mit einem Wort stillen kann, dieser Gedanke tröstet, beruhigt und macht Mut. Doch was ändert das konkret bei mir?
Es fordert mich heraus, denn das Opfer der Umstände zu sein und darin zu verharren, dass der Sturm so schlimm ist, wird mich nicht da raus holen. Ich muss stattdessen Verantwortung übernehmen.

Verantwortung ist irgendwie nicht so ein typisch christliches Wort, aber ich finde es gerade so wichtig, denn die Jünger hatten Verantwortung etwas an der Situation zu verändern. Nicht indem sie panisch hin- und herliefen und Wasser aus dem Boot schaufelten, sondern indem sie sich voll Glauben und Vertrauen an Jesus wandten.

Mit Jesus zusammen

Das ist auch unsere Aufgabe, eben nicht panisch zu versuchen alles zu retten und zu kontrollieren, aber auch nicht passiv zuzuschauen, mit den Schultern zu zucken oder sich selbst zu bemitleiden und am Ende Gott anzuklagen, dass nichts passiert. Wir sind aufgefordert mit Jesus zusammen unsere Realität zu kreieren. Das bedeutet es, in seinem Ebenbild geschaffen zu sein. Wir sind keine hilflose Kreaturen, wir sind aber auch nicht die, die den Sturm alleine stillen. Wir können uns sehr wohl vom Sturm ablenken, die Folgen des Sturms hinauszögern, die Spuren von außen hübsch überstreichen, den Zustand aushaltbar gestalten – aber den Sturm kontrollieren können wir nicht ohne Gott. Die Verantwortung liegt bei uns, aktiv in Beziehung mit Gott zu treten, und nicht Rückzug, Augen verschießen und Abwarten bis Gott was tut.

Er ist dabei den Sturm zu stillen.

Die Geschichte mit dem Sturm habe ich gefühlt bestimmt eine Millionen mal gehört, doch noch immer bewegt sie mich sehr. Denn was war in den Augenblicken zwischen Jesu Worten und dem tatsächlichen Ruhen des Sturms? Was haben die Jünger gefühlt? Was fühle ich gerade? Ich weiß, Jesus ist da und er ist dabei den Sturm zu stillen, aber rein physisch hat es mit Sicherheit einige Minuten gedauert bis die Wellen nicht mehr so hoch waren und sich alles entspannt hat.
So ist es auch mit dem Sturm in mir, er tobt noch, auch wenn am Horizont ein Licht zu sehen ist. Ich weiß Jesus hat gesprochen und ich stehe jetzt in der Verantwortung zu vertrauen, die vermeintliche Kontrolle abzugeben und durchzuatmen. Der Sturm wird stiller, ich merke es schon, mein Griff lockert sich langsam. Mein Blick ist auf Ihm, nicht mehr nur auf mir, nicht mehr auf dem Sturm.
Ich weiß, alles wird gut. Ich vertraue Ihm.

Fragen:

  • Woran merkst du, dass ein Sturm in dir aufzieht?
  • Wie erlebst du Jesus in deinem Sturm?
  • Was bedeutet es in deinem Leben Verantwortung zu übernehmen?

Gott ist FÜR mich

Letztens hatte ich eine tiefe Erkenntnis über eine simple und dennoch unfassbar starke Wahrheit: Gott ist FÜR mich. Irgendwie war mir das schon immer klar, aber eben nur irgendwie.

Muss ich mir Gottes Gunst erarbeiten?

Ich habe immer diesen Drang gehabt etwas für meine Anerkennung bei Gott machen zu müssen. Ich muss mich ihm ganz viel widmen, Bibel lesen, beten, Leuten helfen, ein Licht sein. All diese Dinge bringen einen tatsächlich näher zu Gott, doch sind sie ausschlaggebend dafür dass Gott FÜR dich ist? Muss ich mir seine Gunst erarbeiten? Anders gefragt, ist Gott sonst etwa GEGEN mich?
Ich fange gerade an diesen Glaubenssatz zu hinterfragen, er war tatsächlich bisher unbewusst. Gegen jemanden zu sein klingt erstmal sehr harsch, aber für mich persönlich ist Abweisung, Ignoranz und die kalte Schulter zeigen extrem schmerzhaft und ich beziehe es ganz schnell auf mich persönlich.

Wenn ich mich selbst von Gott zurückgezogen habe, empfand ich Gott auch oft als sehr weit weg, als kühl, und unbeteiligt. Um diesem Schmerz auszuweichen habe ich mich dann noch mehr von Ihm entfernt.

Ein Muster aus meiner Vergangenheit

Ein Muster, dass ich eins zu eins aus meinen Teenagerjahren mit meinen Eltern (insbesondere Vater) kenne. Ich wusste theoretisch, dass mein Vater mich liebt, aber ich musste mir seine Liebe immer selbst “abholen”. Wenn ich nicht auf ihn zukam, redeten wir tagelang nicht miteinander. Wenn ich mal unfreundlich zu ihm war, zog er sich noch mehr zurück. Gerade dann, wenn ich eine Umarmung und ein “Ich liebe dich“ von ihm am meisten brauchte, war ich allein.

Als ich Gott in mein Leben ließ, füllte er zunächst das schmerzende Loch in mir, doch schon bald kam die Angst, nicht gut genug zu sein, nicht genug zu leisten, keine Liebe zu verdienen. Ich wurde in meinen Anfang 20ern immer aktiver, ging sogar eine zeitlang in die Mission, gab Gott all meine Zeit, Energie, Geld, Aufmerksamkeit, Begabungen.. trotzdem hatte ich das Gefühl es reicht nicht. Mir fehlte die Erkenntnis, dass Gott wirklich FÜR mich ist.

Ganz viel Angst in meiner Kindheit

Ich glaube es geht sehr vielen Christen so. In meinem Bekanntenkreis gibt es einige (u.A. leitende Personen) die im Laufe ihres christlichen Dienstes Burnout bekommen haben. Das sollte eigentlich nicht möglich sein, sofern man im Glauben lebt, dass Gott FÜR einen ist. Und zwar bedingungslos FÜR einen.

Oft wird gerade in freikirchlichen Systemen unsere sündige, schwache, schlechte Grundnatur vorausgesetzt und dadurch die Notwendigkeit von Gott durch Jesu Tod gerettet werden zu müssen. Wenn wir das nicht annehmen und weiterhin “sündigen” sei Jesus umsonst für einen gelitten.
Ich kann mich an ganz viel Angst in meiner Kindheit in einer christlichen Gemeinde erinnern. Angst vor der Entrückung, dem Zurückgelassen-werden, Angst meine geliebten (nicht christlichen) Freunde nicht retten zu können, Angst Gottes Plan nicht zu erkennen und aus dem Fleisch heraus zu leben, Angst lauwarm zu sein und von Gott abgelehnt zu werden. Und so, so viel mehr. Es hat meine Seele und meinen Geist wirklich gehindert sich in Freiheit zu entfalten. Auch wenn oft in Gemeinden die Rede von Freiheit war, habe ich davon nichts gemerkt. Wovon ich weit weg war, war die bedingungslose Liebe Gottes.

Wie ein kleines Kind

Heute habe ich viel Abstand zu diesen Denkweisen gewonnen und der Angst und fange wieder an mich Gott persönlich zu nähern – ganz neu, ganz unbedarft, wie ein kleines Kind.
Das passt gerade sehr in meinen persönlichen Heilungsweg, denn durch das Muttersein ist ganz viel aus meiner Kindheit an die Oberfläche gekommen und viele falsche Glaubenssätze und Lügen kommen herauf. Ich bin so froh sie nach und nach ablegen zu können und mit Gottes ganz simpler, aber unfassbar mächtigen, alles übersteigenden Liebe zu füllen. Wenn ich jetzt über Jesus und was er für mich getan hat nachdenke, schleicht sich statt einem schlechten, unwürdigen Gefühl eine Dankbarkeit ein, denn ich weiß dahinter steht seine Liebe, sein JA zu mir. Er hat mich geliebt noch bevor ich etwas machen konnte, er hat mich in Liebe erdacht und erschaffen, seine Liebe ist in meinen Zellen eingewoben, er schaut mich an und freut sich und nennt mit gut. Gott ist einfach FÜR mich, komplett unabhängig von meinem Handeln.

Wo die Liebe regiert, hat die Angst keinen Platz; Gottes vollkommene Liebe vertreibt jede Angst. Angst hat man nämlich dann, wenn man mit einer Strafe rechnen muss. Wer sich also noch vor dem Gericht fürchtet, bei dem ist die Liebe noch nicht zum vollen Durchbruch gekommen.
Der tiefste Grund für unsere Zuversicht liegt in Gottes Liebe zu uns:`Wir lieben, weil er uns zuerst geliebt hat. – 1. Johannes 4, 18-19

Fragen:

  • Was fühlst du bei dem Satz: Gott ist FÜR dich?
  • Welche Rolle Spielt Angst in deinem Glaubensleben?
  • Welche negativen Glaubenssätze hindern dich, Gottes Liebe in Freiheit anzunehmen?

Kontrolle

„Du hast ein Problem damit Kontrolle abzugeben.“ Meinte letztens mein Mann zu mir. Ich wollte es erst nicht wahrhaben, denn solche Menschen hatte ich mir immer als herrschsüchtig, dominant, toxisch und eifersüchtig vorgestellt und das bin ich doch alles sowas von nicht. Aber je mehr ich drüber nachdenke, desto mehr muss ich eingestehen.. ja, ich hab ein Problem mit Kontrolle und es äußert sich ganz anders als die Bilder, die ich bisher im Kopf hatte.

Es beginnt schon mit dem Thema Menschenfurcht, überhaupt das übermäßige Gedanken machen, was andere von mir denken. (An dieser Stelle habe ich das Gefühl, dass es darum in fast jeder meiner Kolumnen geht, aber es ist einfach so ein großes Thema für mich, daher kommt es immer wieder auf. Seid nachsichtig mit mir 😉)
Ich hatte immer schon große Probleme frei ich selbst zu sein und meine Meinung zu äußern, aus Angst man könnte mich deshalb nicht mehr mögen und deshalb war ich immer still und wenn ich etwas sagte, dann nur meinem Gegenüber bestätigend und zustimmend. So hatte ich vermeintlich die Kontrolle darüber, was Menschen von mir denken. Im Job versuchte ich mit aller Kraft jedem zu helfen und alle zu retten. Ich hatte solche Angst zu versagen und meine Klienten zu enttäuschen und schlecht vor meinen Kollegen dazustehen.

Die ständige Kontrolle hat mich fast in den Burn-Out getrieben. Und seit mein süßes kleines Babymädchen ein eigenwilliges Kleinkind ist, lerne ich nochmal ganz andere Seiten an mir kennen, wenn ich das Gefühl habe, sie entgleitet mir mit ihren Emotionsausbrüchen und ihrem unsagbar starken Willen.
Wenn nichts, was ich mache oder sage, bewirkt, dass sie kooperiert oder zumindest etwas runterkommt, brodelt es heiß in mir hoch und mein Puls schlägt mir bis zum Hals. Es ist wie eine Ur-Angst. Fight or Flight. Ich will entweder ausrasten oder fliehen. Beides hab ich schon gemacht. Beides bringt nichts. Und dass ich einen Mann habe, der sehr widerspenstig, eigenwillig und stur ist, ist für mich unfassbar herausfordernd und genauso unfassbar wichtig, weil ich ihn nicht wirklich kontrollieren kann.

Doch woher kommt das? Diese Angst Kontrolle abzugeben, beziehungsweise zu verlieren? Im Grunde war es für mich seit früher Kindheit meine Art, mit einigem was (schief)gelaufen ist, klarzukommen – quasi ein “Überlebensmechanismus”. Indem ich mich und meine Emotionen unter Kontrolle hatte, belastete ich mein Umfeld nicht. Ich hatte das Gefühl nicht sicher zu sein, wenn ich es rauslasse.
Engste “Bezugspersonen” konnten meine Energie und Emotionen nicht aushalten und wenn ich ruhig und kontrolliert war, wurde mir mehr Wohlwollen entgegen gebracht. Und wenn in meinem Umfeld Stress und Streit herrschte, fühlte ich mich dennoch immer verantwortlich und wollte es schlichten.

Schon mit zwei konnte ich stundenlang ganz still sitzen und warten, erzählte mir mein Vater oft ganz stolz. Als er mich mal mit zur Arbeit nahm, dachten seine Kollegen ich sei eine Puppe. Als Teenager entwickelte ich eine schwere Essstörung, bei der es, wie in den allermeisten Fällen, nicht um das Ziel einer schlanken Figur ging, sondern um.. Kontrolle. Wenn ich mein Umfeld nicht kontrollieren kann, dann zumindest meinen eigenen Körper. Diese Symptomatik konnte ich – Gott sei Dank – vor einigen Jahren hinter mir lassen, doch das Grundproblem scheint noch nicht komplett gelöst zu sein, es äußert sich nur anders.

Mich zu kontrollieren und dadurch auch das, was mein Umfeld von mir hält, ist also ganz tief in mir verwurzelt und lässt sich nicht einfach abstellen. Und dann kommt Gott und sagt: „Vertraue mir. Übergib mir deine Kontrolle, sie tut dir nicht gut.“ Und ich.. habe Angst.

Seit einer Weile beschäftige ich mich mit Methoden wie Atemtechnik, Meditation, Imagination und anderen Formen von Self-Empowerment, um mit den Hürden des Alltags klarzukommen. Es hilft mir tatsächlich sehr und als ich letztens ganz enthusiastisch Sascha erzählte, was ich gerade lerne, meint er, dass ich dadurch doch umso mehr lerne alles selbst in die Hand zu nehmen und zu kontrollieren, statt es an Gott abzugeben.

Ich muss ehrlich sagen, ich gebe Gott derzeit kaum Kontrolle über mein Leben. Doch wenn was schiefgeht, dann bin ich sauer, dass Gott nichts gemacht hat. Das ist doch typisch Mensch oder? Gott hat in der Not bitte schön da zu sein und alles zu retten, aber dann kann Er wieder schön zurück in die Wolken verschwinden und uns machen lassen und wenn dann doch etwas Schlimmes passiert, sei es ein Unfall, eine Naturkatastrophe, der Tod eines geliebten Menschen, eine schwere Krankheit und Gott „nichts macht“, dann wird zuallererst Gott angeklagt.

Die Frage: „Warum lässt Gott das zu?!“ sollte vielleicht mal ersetzt werden mit: „Hab ich in meinem Leben bisher Gottes Wirken überhaupt zugelassen?“. Ich habe mich immer davor gescheut Gott die Kontrolle zu geben, aus Angst meine Freiheit aufzugeben. Aber wenn ich so drüber nachdenke und mir vorstelle, meine dreijährige Tochter müsste immer kontrollieren, ob wir im Supermarkt genug Geld für alle Einkäufe haben, ob wir sie nachts nicht alleine in der Wohnung lassen, ob das, was ich koche, nicht giftig für sie ist, ob ich fahrtüchtig bin, wenn ich sie vom Kindergarten abhole. Wäre sie dann frei? Nein, die Vorstellung mein Kind müsste alles kontrollieren ist sowas von unfrei und schrecklich. Stattdessen kann sie vertrauen und die Kontrolle uns Eltern überlassen, ob und was es zu Essen gibt, inwiefern wir im Straßenverkehr sicher sind, dass wir auf sie aufpassen und sie versorgen. Durch dieses Kontrolle-aufgeben kann sie wirklich frei und sie selbst sein. Sagt Gott uns nicht in Matthäus 18;15-17 „Werdet wie die Kinder.“?

Die Kontrolle an Gott abzugeben ist also keine Drohung, sondern eine Einladung frei zu sein.

Fragen:

  • Fällt es dir leicht Kontrolle abzugeben?
  • Kennst du Situationen, in denen die Kontrolle dir entgleitet? Wie gehst du damit um?
  • Vertraust du Gott in allen Bereichen deines Lebens?

Wie werde ich stark?

Vor einer Weile habe ich Gott eine Frage gestellt: Warum bin ich so schwach?
Es war auf viele Aspekte bezogen, die mich zu der Zeit gerade störten. Mich störte der Mangel an Disziplin, Geduld, Nerven, Mut, Klarheit, Direktheit, Widerstandsfähigkeit, körperliche Gesundheit, Selbstsicherheit und vielem mehr. Es war eine Frage aus Frust gestellt. Doch mit der Antwort die sofort danach kam, hätte ich nicht gerechnet: “Claire, du ahnst gar nicht wie stark du eigentlich bist.” Mir schossen Tränen in die Augen, weil ich ganz tief in mir wusste, wie wahr das ist und wie weit ich mich davon entfernt fühlte. Durch so viele Umstände, Verhaltensweisen, Angewohnheiten wurde mein Kern ganz verschüttet, ich hatte nichts mehr von meiner Stärke vor Augen.

In dem Moment erinnerte ich mich an etwas, was mein Vater mir durch meine Kindheit und Jugend mehrmals erzählt hat: Als Neugeborene war ich mehrere Wochen auf der Intensivstation aufgrund einer spät bemerkten Blutvergiftung. Nach der Genesung verweigerte ich jegliche Nahrung, selbst aus der Sonde kam alles wieder hoch, daher war ich mit ca. einem Jahr für mein Alter deutlich zu klein und untergewichtig. Die Ärzte wollten mich deshalb um meinen ersten Geburtstag herum ins Krankenhaus einweisen. Mein Vater aber sah in diesem zerbrechlich wirkendem Mädchen bereits eine enorme Stärke. Nicht nur, dass ich eine ernsthaft lebensbedrohliche Krankheit überstanden hatte, sondern auch, dass ich eine enorme Kraft in diesen zarten Fingern und Armen entwickeln konnte. Ich hielt mich an den beiden Zeigefingern meines Vater so fest, dass er mich so hochheben konnte und wenn man mir etwas in die Hand gab, hielt ich es so fest, dass selbst er es nicht mehr aus meiner Hand bekommen konnte. Er demonstrierte es sogar vor dem Arzt, den dass letztendlich auch überzeugte, und es mir ansonsten auch gut ging und meine sonstige Entwicklung nicht verzögert war.

Mein Vater sagte dann immer zu mir: “Du warst unglaublich stark für dein Alter und ich wusste, du wirst du einer unglaublich starken Frau heranwachsen, vor der der Teufel erzittern wird, weshalb er dich auch gleich zu Beginn loswerden wollte.” Ich hatte diese Geschichte bis zu dem Moment komplett vergessen, doch plötzlich fluteten die Worte meines Vaters wieder in mein Gedächtnis und mir wurde bewusst, dass ich schwach bin, war eine ganz direkte Lüge, die ich so lange geglaubt habe. Irgendwas zerbrach in mir in dem Moment der Realisation, dass ich doch stark bin. Es waren lange aufgebaute Lügenkonstrukte.

Sich für schwach zu halten hat weitaus mehr Konsequenzen, als man erstmal denkt. Wenn ich mich für schwach halte, bin ich weniger mutig, ich packe nicht mit an, vor allem, wenn es meine Kapazitäten scheinbar übersteigt. Ich halte mich im Hintergrund, denke nichts geben zu können und gebe deutlich früher auf als ich eigentlich könnte.

Wer das alles zum Ziel hat ist eigentlich ganz klar, doch warum fällt es uns so viel leichter auf die Lügen der Finsternis zu hören, als auf Gottes Wahrheiten? Und bedeutet das jetzt, das ich durchweg stark bin, beziehungsweise sein muss und das einfach nur erkennen muss? Sicher nicht. Das wäre unmenschlich und würde bestimmt irgendwann in Übermut münden. Eine sehr spannende Bibelstelle dazu steht im 2. Korintherbrief:

Doch der Herr hat zu mir gesagt: »Meine Gnade ist alles, was du brauchst, denn meine Kraft kommt gerade in der Schwachheit zur vollen Auswirkung.« Daher will ich nun mit größter Freude und mehr als alles andere meine Schwachheiten rühmen, weil dann die Kraft von Christus in mir wohnt.

– 2. Korinther 12, 9 (NGÜ)

Ich bin zwar stark, aber meine Stärke kommt nicht aus mir heraus. Ich hab sie mir nicht irgendwie angeeignet, trainiert, gelernt, erkämpft. Meine Stärke kommt durch meinen Gott, der in mir lebt und wirkt und gerade da, wo meine menschliche Natur schwächelt, wo ich Angst habe und abgelenkt werde. Da kann Gott mich stark machen. Denn wenn wir unsere Schwäche nicht vertuschen, aber uns auch nicht darin ausruhen, sind wir bereit durch Ihn stark zu sein.

Fragen:

  1. Siehst du dich selbst als stark?
  2. In welchen Momenten deines Lebens hast du Gottes Wirken am meisten gespürt?
  3. Gibt es etwas, was deine Kapazitäten scheinbar übersteigt, aber du fühlst dich dorthin gerufen?

Versteckspiel

Vor kurzem ist mir etwas aufgefallen, was mir nicht leicht fällt, mir überhaupt selbst einzugestehen, geschweige denn es nach außen zu tragen. Doch ich bin nach wie vor auf der Reise Scham abzulegen und deshalb entscheide ich mich immer wieder mich verletzlich zu machen und daraus zu lernen und zu wachsen. Es ist dieses Mal keine ermutigende Kolumne mit Lösungen, Motivation oder einem passenden Bibelzitat. Es ist eher ein Geständnis und vielleicht bin ich die einzige, der es so geht – dann ist diese Kolumne einfach nur für mich. Aber vielleicht geht es noch jemandem von euch so, dann lass uns gemeinsam Mut fassen und es uns eingestehen, um es letztendlich zu ändern.

Was mir aufgefallen ist, dass ich oft ein Versteckspiel mache. Die folgenden Punkte, die ich bei mir aufgedeckt habe, sind natürlich kein Dauerzustand, aber es gibt eben Phasen in denen es mal mehr und mal weniger der Fall ist.

– Ich verstecke mich vor Gott, indem ich lange Zeit überhaupt nicht ins Gebet gehe oder mich auf keine Weise mit geistlichen Themen befasse.
– Ich verstecke mich vor alltäglichen Aufgaben. Vor dem Saubermachen, über Papierkram erledigen und abheften, bis hinzu Anrufe tätigen, z.B. um Arzttermine auszumachen.
– Ich verstecke mich vor mir selbst, indem ich mir keine Minute des Tages Zeit nehme, inne zu halten und mich zu fragen, wie es mir gerade geht und was ich brauche, geschweige denn am Abend ein Tagebuch oder Malpinsel zur Hand zu nehmen.
– Ich verstecke mich aber auch vor anderen Menschen, indem ich mich lange Zeit nicht bei ihnen melde, mit der Begründung, dass sie sich ja auch melden könnten oder dass sie bestimmt gerade keine Zeit haben. Ich antworte aber auch vielen nicht, da selbst das Öffnen und Beantworten von Sprachnachrichten mich von Zeit zu Zeit so sehr stresst, dass ich es einfach lasse und mich davor verstecke. Tatsächlich habe ich sogar in dieser Minute neben mir ein Handy mit einigen ungeöffneten Nachrichten und Sprachnachrichten von letzter Woche bis hinzu vorletztem Monat. Mir ist sogar bewusste, dass mindestens eine dieser Personen innerhalb dieser Woche eine Antwort gewünscht/gebraucht hätte.

Es gibt bestimmt einige, die jetzt denken, statt hier so eine Kolumne zu tippen, hör doch einfach diese blöde Sprachnachrichten an und beantworte sie. Aber es ist gerade wirklich ein Problem für mich, denn je länger ich Zeit verstreichen lasse desto größer wird auch die Angst vor dem Anhören und die Reaktion, die ich dementsprechend liefern muss.

Ich beginne meine Antworten so oft mit den Worten: “Sorry, hab die Nachricht übersehen und hab sie jetzt durch Zufall wiedergefunden und antworte deshalb so spät.” Manchmal ist es wirklich so. Aber ganz wahr ist das tatsächlich meist nicht. Ehrlich wäre dann eher: “Sorry, ich hab vor drei Wochen gesehen, dass du mir eine Sprachnachricht geschickt hast, hatte aber in dem Moment keinen Nerv sie anzuhören und auch ein bisschen irrationale Angst davor, was du wohl darin sagst und hab sie deshalb ignoriert und jetzt nach wochenlangem schlechten Gewissen endlich angehört und festgestellt dass es gar nichts Schlimmes war. Sorry.”

Ich verstehe es selbst nicht ganz, aber was ich interessant finde ist, dass mir dieses Verhalten vor Kurzem bei der Arbeit mit psychisch Kranken begegnet ist. Eine Klientin hatte Monate lang Briefe ungeöffnet im Keller verschwinden lassen, von der Krankenkasse, Rechnungen, Mahnungen, Inkassobriefe.. Teilweise sind sie durch Zufall wieder aufgetaucht und ihr Partner stand mit einem Stapel vor ihr und fragte was das solle? Tatsächlich kamen durch dieses Verhalten große Schulden auf die Familie zu. Sie konnte nur mit dem Schultern zucken und zu Boden blicken. In dem Moment konnte ich das, so wie ihr Partner, nicht nachvollziehen. Ich sagte ihr sogar, dass die Briefe direkt nach Erhalt zu öffnen, ihr jetzt riesige Kosten, Rennerei zu Ämtern und bürokratischen Aufwand erspart hätte. Als ob sie das nicht wusste.
Erst einige Tage später, als ich in einer (im Vergleich banalen) Situation bei mir selbst ähnliche Züge von Verdrängung bemerkte, merkte ich, dass ich es sehr wohl nachvollziehen kann, wie es zu solch einem fatalen Verhalten kommen kann. Deshalb bin ich dankbar, es jetzt so richtig zu realisieren, um es anzugehen und zu überwinden. Es gehört dazu zum ‘Frieden-Nachjagen’. Dinge zu erledigen, die durch Verdrängung nur Unfrieden hervorrufen, ist definitiv nicht einfach, aber dem Nachzujagen ist eine bewusste Entscheidung. Es beinhaltet aufzustehen, zielgerichtet voranzugehen und etwas regelrecht in Angriff zu nehmen.

Fragen:

  1. Wann hast du das letzte Mal innegehalten?
  2. Sorgst du dich auch oft um Dinge, die in der Perspektive der Ewigkeit keine Rolle spielen?
  3. Was hörst und fühlst du, wenn du still bist?

Wut und Grenzen

Das Thema “Scham überwinden” zieht sich bei mir weiterhin durch das Jahr und ein für mich sehr schambesetztes Thema, das schon länger auf meiner Agenda für eine Kolumne stand, ist Wut.
Schambesetzt ist es für mich deshalb, weil ich schon mehrere Jahre, aber vermehrt in den letzen Monaten, immer wieder mit Wutausbrüchen zu tun habe. Sie kommen manchmal ganz unvermittelt, ich werde dann oft durch einen Kommentar von Sascha zur Weißglut gebracht und dann sehe ich nur noch rot. Es war und ist dann wahnsinnig schwer für mich diese Wut im Griff zu halten und das schaffe ich auch nicht immer. Wut war für mich deshalb immer etwas Schlechtes, wie ein inneres Monster, das meistens schlummert und manchmal ausbricht, wütet und dann wieder verschwindet. Ich fühlte mich immer sehr schlecht, wenn ich die Wut nicht unterdrücken konnte und verstand oft nicht, woher sie denn überhaupt kommt.

Als ich 14 oder 15 war, kaufte ich mir ein Boxsack, weil ich keine (weiteren) Gegenstände zerstören wollte. Gerade unter Christen, wo wir doch alle so friedliebend miteinander umgehen (sollten), ist oft kein Raum für Wut. Man hat einfach sanftmütig zu sein, fertig. Aber was ist, wenn ich ab und zu eben nicht sanftmütig bin? Bin ich gleich ein böser Mensch, wenn ich mal die Fassung verliere? Die meisten würden hier sagen, “natürlich nicht, das kommt vor”. Aber was ist, wenn ich sie gegen meinen Partner richte und ihm damit weh tue? Ich muss sagen, dass ich mich dann, wenn meine geliebtesten Menschen unter meinem Verhalten leiden müssen, ganz besonders schlecht fühle und mich umso mehr dafür schäme. Ich versuche dann die Wut ganz tief in mir zu verbarrikadieren, aber das macht sie nicht kleiner – im Gegenteil. Ich habe mir angewöhnt die Wut gegen mich selbst umzuleiten und verletze mich dabei. Wut scheint also durchweg als etwas Schlechtes, was einfach aus dem Leben verschwinden sollte.

Wut ist jedoch per se nicht schlimm, in Johannes 2, 14-17 war Jesus selbst offensichtlich sehr, SEHR wütend auf die Händler im Tempel. Er hat seines Vater Tempel verteidigt und war in dem Moment alles andere als der fromme, sanftmütige Jesus, der so oft porträtiert wird. Er war wild und ungehalten, wie ein Löwe. Er setzte seine Wut für das Gute ein, etwas um das es sich zu kämpfen lohnte.

Im Vorhof des Tempels stieß er auf die Händler, die ihre Rinder, Schafe und Tauben zum Verkauf anboten, und auf die Geldwechsler, die an ihren Tischen saßen.
Da machte er sich aus Stricken eine Peitsche und trieb sie alle mit ihren Schafen und Rindern aus dem Tempelbezirk hinaus. Er schüttete das Geld der Wechsler auf den Boden und stieß ihre Tische um, und den Taubenverkäufern befahl er: »Schafft das alles weg! Macht aus dem Haus meines Vaters kein Kaufhaus!« Seine Jünger erinnerten sich dabei an die Schriftstelle: »Der Eifer für dein Haus wird mich verzehren.«

– Johannes 2, 14-17 (NGÜ)

Wut hat viel mit Grenzen zu tun. Die Händler im Tempel haben eine für Jesus sehr wichtige Grenze überschritten und er setzte diese Grenze ganz klar und mit ganz viel zielgerichteter Energie.

Ein guter Freund von mir, der auch Therapeut ist, sagte mir letztens als ich ihm von diesem Wut-Thema erzählte, dass Wut eine Energie ist, die durchaus fruchtbar und wichtig ist. Oft ist es jedoch fehlgeleitete Energie, die eigentlich dazu da ist, unsere eigenen Grenzen zu setzen. Er fragte mich, ob ich Schwierigkeiten habe “nein” zu sagen und so ist es tatsächlich. Der Zusammenhang von eigenen Grenzen und Wut hat für mich alles in eine neue Perspektive gerückt. Mir fiel plötzlich auf, dass ich öfter Wutausbrüche hatte, wenn ich es vielen Leuten zugleich versucht hatte, Recht zu machen und mich dabei verausgabt und verzettelt habe. Das kommt immer wieder in meinem privaten und auch beruflichem Umfeld vor. Leute zu enttäuschen macht mir unfassbare Angst, deshalb gehe ich weit über meine Grenzen hinaus, um das zu vermeiden. Wenn es sich mit der Zeit ansammelt, reicht eine Kleinigkeit aus, um mich zum Explodieren zu bringen. All die Energie, die ich für meine Grenzsetzung benötigt hatte, jedoch zurückgehalten habe, kommt dann mit einem Mal raus und lässt sich kaum aufhalten.

Mit dieser Erkenntnis gehe ich nun ganz anders an das Thema heran. Statt die Wut stillzuhalten, zu verbuddeln oder mühsam ausmerzen, setze ich nun ganz bewusst meine eigenen Grenzen. Ich nehme mir vor “nein” zu sagen, wenn ich etwas nicht möchte und klar zu meinen Bedürfnissen und Fähigkeiten zu stehen. Das wird sicherlich nicht einfach, aber ich glaube fest daran, dass die Wutausbrüche mit der Zeit von sich aus weniger werden, da ich zu meinen Grenzen stehen kann und mich selbst so sehr liebe und wertschätze, dass ich mich nicht mehr verausgabe, um es allen Recht zu machen.

Fragen:

  1. Wie geht es dir mit dem Thema Wut?
  2. Kannst du deine eigenen Grenzen setzen?
  3. Was macht es mit dir, wenn deine Grenzen überschritten werden?

Gestutzte Flügel

In den letzten Wochen musste ich ziemlich häufig feststellen, dass ich unausgeglichen und schnell gestresst war. Ich habe mich gefragt, wann es angefangen hat oder womit es zusammen hängen könnte und habe festgestellt, dass ich gerade kaum Zeit für meine Seele, meinen Geist und für Gott nehme.
Ich bin so jemand, die das braucht, wie Nahrung für den Körper. Wenn ich mir die Zeit nicht nehme, dann werde ich schwächer, meine Haut wird dünner und ich bin nicht mehr so standhaft.

Die Frage, die sich dann für mich auftut ist, warum ich etwas, das für mich so essenziell wichtig ist, so selten mache? Ich bin noch auf dem Weg das herauszufinden, aber was mir zur Zeit so klar wird, wie nie zuvor, ist, dass ich eben nicht immer nur das Opfer äußerer Umstande und auch nicht meiner eigenen Laune bin, sondern dass ich mit meinen täglichen noch so unbedeutend erscheinenden Entscheidungen vieles selbst verändern kann.
Wenn es mir nicht gut geht, hängt es ganz oft mit meinen eigenen Entscheidungen zusammen. Es fällt natürlich leichter die Umstände oder andere Personen zu beschuldigen, weil man dann nichts an seinem eigenen Verhalten ändern muss.

Als arbeitende Mutter bin ich nicht mehr ganz so flexibel mit meinem Tagesablauf, aber selbst das ist kein Grund nicht bewusst gute Entscheidungen zu treffen und Verantwortung für mich selbst zu übernehmen. Wie ich zum Beispiel meinen Abend verbringe, vor allem die Zeit kurz bevor ich einschlafe, prägt nicht nur meinen Schlaf an sich, sondern auch meinen kommenden Tag. Ich merke sofort an meiner Energie am Morgen, wie ich den Abend zuvor verbracht habe. Und da bin ich zur Zeit oft in ungesunde Routinen gerutscht. Es ist fast als würde ich vor mir, vor Verantwortung und letztendlich auch vor Gott flüchten. Wenn ich mal Zeit habe und mir der Gedanke kommt: Ich könnte jetzt mal wieder etwas malen und Lobpreismusik hören, oder einfach nur in der Stille meditieren, mit Gott sprechen, etwas Gutes, Reichhaltiges lesen, spazieren, Sport machen, Briefe oder Tagebuch schreiben, dann drängt sich blitzschnell ein anderer Gedanke dazwischen wie: Du hast schon lange nicht mehr Instagram gecheckt, nicht dass du was verpasst, da war doch letztens auf Youtube ein Video, das du gucken wolltest, eine neue Serie anzufangen wäre auch eine gute Idee.. und welcher Gedanke siegt wohl die meiste Zeit? Der bequemere, einfache natürlich. Wie gesagt, es sind die kleinen Entscheidungen oder ‘Fehltritte’, wenn man so will, die im einzelnen vielleicht völlig unbedeutend sind, aber wenn es zur Gewohnheit wird, sehr schnell überhand gewinnen und von einen wirklich erfüllten Leben fernhalten.

Ich habe letztens ein Gedicht von Kalil Gibran gelesen, dass mich gerade in diesem Zusammenhang sehr zum Nachdenken angeregt hat:

Du stutzt deine Flügel
Gott hat deinem Geist Flügel verliehen,
mit denen du aufsteigen kannst
ins weite Firmament der Liebe und der Freiheit.
Und du jammervolles Geschöpf
stutzt diese Flügel mit eigener Hand
und lässt zu, dass deine Seele
wie ein Insekt am Boden dahin kriecht.

– Kalil Gibran

Gott hat mich mit Fähigkeiten ausgestattet, die auch mit Verantwortung einhergehen. Genau das ist es, wovor ich immer fliehe. Verantwortung. Ich tendiere oft dazu, zu prokrastinieren und aufzugeben, wenn etwas schwierig wird. Doch was ist das Resultat daraus? Ich stutze meine eigenen Flügel und verlerne zu fliegen. Doch weil es nicht meine Bestimmung ist, am Boden zu sein, sondern in der Weite Seiner Liebe und Freiheit, werde ich dadurch immer unglücklicher. Meine Seele weiß, wohin sie gehört und ich entscheide mich heute, mit meinem Blick auf Gott und seiner Bestimmung für mich, den Weg in die richtige Richtung zu gehen.

Fragen:

  1. Hast du bewusst gesunde Gewohnheiten in deinem Leben integriert?
  2. Was tut dir gut?
  3. Wozu hat Gott dich persönlich berufen?

Vom Loslassen und Frieden finden

Worte können nicht annähernd beschreiben, wie es ist, wenn das eigene Kind im eigenen Körper aufhört zu leben. Diese Erfahrung machen sehr viele Frauen, das wurde mir erst bewusst als es mir vor wenigen Wochen auch passierte.

Als ich bei einer Routineuntersuchung erfuhr, dass das Herzchen nicht mehr schlug, strömten sofort tausend Fragen in meinen Kopf und ich verstand nichts mehr. Mein Blick richtete sich voll Wut, Trauer und Unverständnis an Gott. Ist er nicht allmächtig? Warum wurde diesem Wesen, unserem zweiten Kind, das Leben verwehrt?

Doch in dieser Zeit sprach Gott auf vielen Wegen tief in mein Herz und mir wurde in dem Prozess etwas unfassbar wichtiges bewusst: Gott ist ein Gott des Lebens und Gott ist immer gut. Wenn etwas Tragisches auf dieser Welt passiert, ist Gott nicht automatisch Schuld. Und zu sagen, dass Gott etwas zulässt oder gar bewirkt, ist im Endeffekt das Selbe. Ich werde auf diesen Gedanken in der nächsten Ausgabe näher eingehen, doch vorerst möchte ich hier etwas Wunderschönes teilen, nämlich wie ich in dieser schweren Situation von Gott getröstet und geheilt wurde.

Nach dem Termin, bei dem wir es erfuhren, bin ich zusammen mit unserer Tochter raus in die Natur gegangen. Ich sah sie einfach an, wie sie schlief, so friedlich, so wunderbar geschaffen, gesund, wunderschön, lebendig. Mir wurde ganz klar bewusst, wie groß dieses Wunder, dieses Geschenk ist. Diese Dankbarkeit, die ich für unsere Tochter empfand, war der erste Trost, der sich heilend über den Schmerz legte.

Am Abend kam noch eine gute Freundin vorbei und wir redeten über das, was passiert war und beteten zusammen. Im Gebet zeigte Gott mir ein Bild: Ich sah mich an einem Fluss ein kleines Boot mit unserem ungeborenen Kind ins Wasser setzen. Es wurde fortgetragen und es lag ein tiefer Frieden über dieser Szene. Ich wusste in dem Moment, dass dieses kleine Boot, mit unserem Kind darin, am richtigen Ort ankommen wird. Ich wusste das Ziel ist Gott, seine Gegenwart, sein Frieden, seine Fülle.
Es erinnerte mich an die Geschichte von Moses, wie er als Säugling von seiner Mutter in einem Korb auf dem Fluss fortgeschickt wurde, um ihn zu beschützen. Ich fand diese Stelle immer so seltsam, weil ich nicht nachvollziehen konnte, warum eine Mutter so etwas tun würde? Und wie kann man eine Lebensgefahr mit einer anderen aufwiegen? Doch in dem Moment, als ich dieses Bild bekam und dazu die Botschaft “Lass es los.”, begriff ich, dass die Mutter in der Geschichte voll Vertrauen in Gott ihr Kind losließ und ihr Glaube, dass es sicher am richtigen Ort ankommen wird, sogar größer war, als ihr Mutterherz, welches das Kind bei sich behalten wollte.
Wer die Geschichte kennt, weiß, wie essenziell wichtig der Vertrauensschritt dieser Mutter war, ihr Kind ziehen zu lassen. Ohne es zu wissen, hat ihre Tat den Verlauf einer weltbewegenden Geschichte entscheidend beeinflusst. (2. Mose 2, 1-10)

Mich tröstete der Gedanke, dass Gott das kleine Boot mit meinem Kind darin sieht und es sicher zum Ziel führen wird. Ich wusste es in dem Moment einfach voller Gewissheit. Natürlich schmerzte es, so wie es die Mutter von Moses sicher geschmerzt hatte, doch der Frieden war stärker. Trotz diesem sehr tröstenden Bild, war ich nach wie vor unfassbar wütend, enttäuscht und traurig über Gott, dass er uns dieses Leid nicht erspart hat. Er erschien mir immer noch kaltherzig und grausam.

Doch auch das änderte sich schon am nächsten Tag, als ich nachmittags zum Frauenermutigungstag in unserer Gemeinde dazustieß. Mir war zuerst gar nicht danach und ich ging dann letztendlich nur hin, weil ich den Workshop zum prophetischen Malen leitete und so spontan nicht absagen wollte. Gegen Ende der freien Malzeit nahm ich mir selbst eine kleine Leinwand und Farben. Tränen liefen mir still über das Gesicht, während ich das kleine Boot auf dem Fluss malte. Eine Freundin, die während dessen neben mir gemalt hatte, fragte nach einer Weile, ob ich am Vormittag schon da gewesen wäre, was ich verneinte. Sie erwiderte erstaunt, dass jemand im Lobpreis einen Eindruck von vorne geteilt hatte und was sie beschrieb, war genau das, was ich da gerade malte. Die Person hatte eine kleine Nussschale gesehen, die auf einem Fluss Richtung Meer schwamm und Gott sagte, dass die Nussschale für ihn etwas viel Größeres sei. Ich musste in dem Moment so los weinen, weil es genau in mein Herz traf. Es passte einfach so perfekt; sogar dass das Kind als es starb, ungefähr so groß wie eine Walnuss war. Aber was mich am meisten traf und mein schmerzendes, wütendes, fragendes Herz heilte, war, wie Gott mir dadurch zeigte, dass er nicht unbeteiligt, kaltherzig und grausam Leben gibt und wieder nimmt, sondern dass er dieses Wesen sieht, es kennt und es liebt. Nicht nur das, er zeigte mir damit, dass er auch mich sieht, dass mein Schmerz ihm nicht egal ist. Er wusste, dass ich an diesem Nachmittag leise weinend dieses Bild vom Vorabend malen würde und er bestätigte es auf eine übernatürliche Art und Weise, die weit über normale Zufälle hinausging. Meine Freundin nahm mich in den Arm und weinte mit mir, als sie nach einer Weile sagte, dass sie den Eindruck hat, wie Gott mit uns hier ist und trauert und weint. Diese Worte gaben mir sozusagen ‘den Rest’. Ich konnte das wirklich glauben. Gott kennt meinen Schmerz und er fühlt es auch. Das war genau das, was die Lüge “Gott ist grausam” komplett fortjagte und mit einem tiefen, tröstenden Frieden ersetzte.

Obwohl endlos viele Fragen offen blieben, hatte ich von dem Zeitpunkt an keinen Drang mehr Antworten darauf zu suchen. Ich konnte die Tatsache annehmen. Und vor allem konnte ich das Kind wirklich in Frieden loslassen.

Du bist es ja auch, der meinen Körper und meine Seele erschaffen hat, kunstvoll hast du mich gebildet im Leib meiner Mutter. Ich danke dir dafür, dass ich so wunderbar erschaffen bin, es erfüllt mich mit Ehrfurcht. Ja, das habe ich erkannt: Deine Werke sind wunderbar! Dir war ich nicht verborgen, als ich Gestalt annahm, als ich im Dunkeln erschaffen wurde, kunstvoll gebildet im tiefen Schoß der Erde. Deine Augen sahen mich schon, als mein Leben im Leib meiner Mutter entstand. Alle Tage, die noch kommen sollten, waren in deinem Buch bereits aufgeschrieben, bevor noch einer von ihnen eintraf.

– Psalm 139; 13-16 (NGÜ)